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Die unwirksamste Überlebensstrategie

Aus einer meiner vorherigen Beziehungen konnte ich ein Verhalten aus nächster Nähe betrachten, welches mir anfangs nicht schlüssig erschien: Immer, wenn ich meine Bedürfnisse klar kommunizieren wollte und einen Punkt ansprechen wollte, der mir wichtig war, schien sich meine Partnerin metaphorisch selbst anzugreifen. Sie nahm unbewusst viele meiner Aussagen persönlich und brachte sich somit in eine Opferposition. Ich konnte mir anfangs nicht erklären, weshalb sie es tat, da es klar war, dass ich sie verbal nicht angriff. Doch ich merkte mit der Zeit, dass ihre Opferhaltung mich automatisch in die Position des „Täters“ drückte: Ich entwickelte Schuldgefühle, da ihre Reaktion den Anschein machte, als würde ich sie angreifen. Aufgrund der Schuldgefühle konnte ich in der Mehrheit aller Fälle meine Bedürfnisse nicht klar kommunizieren, der Streitpunkt war kurzfristig ad acta gelegt worden. Ich realisierte bereits in der Beziehung, dass meine Partnerin unbewusst eine Strategie hiermit fährt, die da lautet: „Wenn ich mich vorher schon selbst angreife, dann werde ich nicht mehr angegriffen“, sprich „Wenn ich die Aussagen meines Partners persönlich nehme und als Angriff werte, dann wird er sich schuldig fühlen und mich mit Samthandschuhen anfassen“.

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Schuldgefühle StrategieDesigned by Freepik

Als Kinder bauen wir uns eine Menge solcher Strategien zusammen, um in dieser Welt überleben zu können. Wir entwickeln beispielsweise die Strategie, uns zum Lachen zu zwingen, wenn wir ausgeschimpft werden, um den resultierenden Schmerz oder das Schamgefühl zu betäuben. Wir entwickeln beispielsweise die Strategie, im Vorfeld alles persönlich zu nehmen, wenn jemand mit uns redet, um uns somit in die Opferposition zu rücken, sodass unser Gegenüber uns mit Samthandschuhen anfasst. Wir entwickeln beispielsweise die Strategie, uns für andere aufzuopfern, um bei Anderen ein Gefühl der Schuld zu wecken, sodass wir Anerkennung, Aufmerksamkeit und Zustimmung als Gegenleistung erhalten. Dies sind alles sogenannte Überlebensstrategien, die wir in unserer Kindheit entwickeln.

Wenn wir zu Erwachsenen heranreifen, gilt es, solche Überlebensstrategien zu identifizieren und die unwirksamen unter ihnen aufzulösen. Beispielsweise können wir erkennen, dass es uns schwächt, wenn wir uns ständig in die Opferposition stellen und können lernen, unser Leben eigenverantwortlich zu gestalten. Oder wir können erkennen, dass es besser ist, sich dem Schmerz zu stellen und das Problem zu lösen, statt immer wieder davor zu fliehen.

Leider ist so eine reife Herangehensweise eher unüblich, denn wenn wir erwachsen werden, nehmen wir unbewusst viele Überlebensstrategien aus unserer Kindheit mit, ohne diese auf Gültigkeit und Effektivität zu prüfen. Auch wenn diese Überlebensstrategien alles andere als sinnvoll sind, gehen die meisten Menschen unbewusst nach folgendem Grundgedanken vor:

„Wenn meine Überlebensstrategie nicht funktioniert, dann muss ich mich nur noch mehr anstrengen, damit sie funktioniert!“

 

 

Bewusst leben

Was passiert, wenn die meisten unserer Überlebensstrategien auf dem Prinzip der Unbewusstheit und der Verdrängung beruhen, es uns also im entsprechenden Moment unmöglich erscheint, die unwirksame Überlebensstrategie erst als solche zu erkennen? Wie können wir dann unwirksame Überlebensstrategien auflösen?

Das Prinzip, bewusst zu leben, führt dazu, dass wir unwirksame Überlebensstrategien erkennen und diese auflösen können. Beispielsweise können wir in einem Streit erkennen, dass wir absichtlich Aussagen des Gegenübers persönlich genommen haben, um ihm ein schlechtes Gewissen einzureden und somit den Streit zu beenden. Wir können dann im Streit sagen „Ich habe das gerade persönlich genommen, obwohl ich weiß, dass du es nicht als Angriff meintest. Entschuldige.“

Um unser Leben bewältigen zu können, ist es erforderlich, dass wir die Herausforderungen, die an uns gestellt werden, meistern können. Um diese Herausforderungen meistern zu können, ist es notwendig, dass wir diese Herausforderung bewusst wahrnehmen können. Ohne ein bewusstes Wahrnehmen der Problemstellung, können wir nicht angemessen agieren.

 

 

Die unwirksamste Überlebensstrategie

Was passiert jedoch, wenn wir vor einem Problem gestellt werden, bei dem wir vermuten, dass wir es nicht lösen könnten? Jeder kennt mindestens eine Situation aus seinem Leben, in der er nicht bewusst agieren konnte. Das Gefühl der Irritation, Verängstigung oder der Machtlosigkeit machte sich in uns breit, obwohl wir im Nachhinein erkennen konnten, dass eine andere Reaktion auf das Problem angemessener und vor allem einfacher gewesen wäre. In diesem Fall schlichen sich die unverarbeiteten Gefühle unseres inneren Kindes in die Situation und unser inneres Kind wollte uns mit einer gewissen Überlebensstrategie beschützen.

Unser inneres Kind, also der Teil unseres Selbst, der alle Erinnerungen, Emotionen, Werte und Bedürfnisse unserer Kindheit gespeichert hat, versucht uns vermeintlich zu helfen. Es denkt, dass wir der Situation nicht gewachsen sind, also reguliert es unser Bewusstsein herunter. Indem es das tut, nehmen wir zwar die daraus resultierenden „negativen“ Gefühle nicht mehr wahr, allerdings können wir auch das Problem nicht mehr lösen. Daraus folgt die selbsterfüllende Prophezeiung, dass wir mit der Situation nicht klarkommen, da uns das reguläre Level an Bewusstsein zum Operieren fehlt.

Die Überlebensstrategie, die wir also in unserer Kindheit formuliert haben und ins Erwachsenenalter mitnehmen, lautet:

Wenn ich das Gefühl habe, dass ich mit einer Situation nicht zurechtkomme, dann minimiere ich das Bewusstsein, um diese Situation als weniger bedrohlich zu empfinden und mich vor unangenehmen Emotionen zu schützen.

Es ist unnötig zu erwähnen, dass diese Überlebensstrategie mehr als kontraproduktiv ist. Wir sehen in unserem Umfeld viele Menschen, die diese Überlebensstrategie unbewusst fahren und wir hören sie sagen „Ich war verwirrt, ich war einfach nicht mehr in meiner Mitte. Ich hatte in der Situation das Gefühl, dass ich gar nicht richtig dabei war“.

 

 

Selbsterfüllende Prophezeiung

Bei jedem Problem, das wir nicht lösen können, schrumpft unsere Selbstwirksamkeit, also das Gefühl, dass wir mit allem fertig werden können. Und schrumpft die Selbstwirksamkeit, so schrumpft auch das Selbstwertgefühl, was Einfluss auf den größten Teil unserer Psyche hat.

Dies führt zu einem Teufelskreis: Da wir denken, bei Problemen nicht klarkommen zu können, regulieren wir unser Bewusstsein herunter, was dazu führt, dass wir mit der Situation tatsächlich nicht klarkommen, was wiederum unsere Annahme verstärkt, dass wir in einer Situation nicht klarkommen können.

Überlebensstrategie Teufelskreis

 

 

Tipp: Die Überlebensstrategie umschreiben

Wir müssen lernen, den Zugang zum inneren Kind zu finden, um diese Überlebensstrategie umzuschreiben. Diesen Weg gehen wir über den Dialog. Wir müssen, in der Tat, mit unserem inneren Kind reden und ihm beibringen, dass es uns vertrauen soll, damit es nicht auf die Idee kommt, uns mit Unbewusstheit schützen zu wollen.

Ein Beispiel, wie wir das tun können, ist folgendes:

Wir nehmen uns Zeit und sind an einem Ort, an dem wir ungestört bleiben. Wir schenken unserem Kind das liebevolle Verständnis, welches es benötigt, um die konditionierten Überlebensstrategien zu durchbrechen und durch neue zu ersetzen. Wir denken oder sagen uns dabei folgendes: „Liebes innere Kind, ich weiß, dass du in solchen Situationen die Angst hast, dass ich damit nicht klarkommen könnte. Ich weiß, du tust das nur, um mich zu schützen. Für diese liebenswerte Absicht danke ich dir. Aber, ich will, dass du verstehst, dass es mir nicht hilft, wenn du mein Bewusstsein herunter regulierst, denn das Problem wird dennoch weiterhin bestehen. Da ich weiß, dass du mir helfen willst, werde ich dir helfen und dir einen Tipp geben: Immer, wenn du denkst, dass ich mit etwas nicht klarkomme, will ich, dass du mein Bewusstsein so hoch regulierst, wie du nur kannst, und mir damit vertraust, das Problem zu lösen.“

Die Umschreibung dieser Überlebensstrategie bedarf an Zeit, allerdings sind die Auswirkungen immens. Ein hilfreicher Beitrag ist der folgende: „Emotionen und Bewusstsein“.

 

Zusätzlicher Tipp

Ausdrucken und immer wieder lesen:

  • Jetzige Überlebensstrategie: Wenn ich denke, dass ich mit etwas nicht klarkomme, dann vertraue ich darauf, dass ich doch damit klarkommen werde: Ich drehe mein Bewusstsein noch höher. Denn nur wenn mein Bewusstsein aktiv ist, kann ich das Problem lösen.

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